[Ausgelesen] Ann-Kristin Gelder: ON:OFF



Cover: ON:OFF (Ann-Kristin Gelder)

Inhalt:

Ein Liebesroman, spannend wie ein Thriller, ab 14 Jahren.

Der Konzern Neurogaming-Systems (NGS) will die Computerspiel-Welt revolutionieren: Er bietet Spielern mit der Technik der Bewusstseinssynchronisierung die Möglichkeit, Aussergewöhnliches zu erleben – im Körper eines Anderen. Nora arbeitet für NGS und erkennt, dass der Konzern für seine illegalen Forschungen auch über Leichen geht. Noras neuerster Auftrag ist der junge Musiker Alex. Während sie in Vorbereitung für die Bewusstseinssynchronisierung sein Vertrauen gewinnt, entwickelt sich eine ernste Beziehung zwischen den beiden. Doch Nora muss die Synchro machen – und dann werden die Liebenden nicht mehr zueinander finden, denn ist der eine wach, schläft der andere. Nora weiß, dass Alex nun in Lebensgefahr schwebt, denn die Technik funktioniert noch nicht risikolos …

– Quelle: Thienemann Verlag –

Infos zum Buch:

Autor:Ann-Kristin Gelder
Titel:ON:OFF
Originaltitel:
Reihe:
Band:
VÖ:18. Juli ’19
ISBN:978-3522621731
Genre:New Adult Romantic Thrill

Grafik: Schmetterling

Einschätzung von Kathi Rubel:

Wo soll ich anfangen? Ich habe gerade das Buch aus der Hand gelegt und mein Herz schlägt noch immer viel zu schnell. Ganz ehrlich: Ich hätte niemals mit diesem Inhalt gerechnet. „ON:OFF“ ist nicht einfach nur ein spannender jugendfreier Liebesroman, wie uns der Verlag weismachen will, sondern ein temporeicher, schockierender und blutiger Thriller, der für mein Empfinden eher im New-Adult-Genre angesiedelt ist. Es handelt sich ganz gewiss nicht um ein romantisches Jugendbuch, das lediglich mit ein paar Thriller-Elementen aufwartet, um für ein wenig Action zu sorgen. Nein. Nora durchlebt in dieser Geschichte einen Albtraum, der einfach nicht enden will. Selbst am Ende, im Epilog, haben ihre Ängste sie noch fest im Griff, obwohl diese letzten Seiten ihr Happy End erzählen.

Aber ich sollte wohl ein wenig ins Detail gehen:
Nora heißt eigentlich Eleonor und ist 17 Jahre alt. Nach dem Abitur will sie ein duales Studium in Wirtschaftspsychologie beginnen und arbeitet schon jetzt hart daran, dieses Ziel zu erreichen. Neben der Schule ist sie als „Regulator“ für die Firma NeuroGaming Systems – kurz NGS – tätig, die Noras Zukunftspläne unterstützt und ihr eine erfolgreiche Karriere in Aussicht stellt. Unter dem Deckmantel eines „Begabtenförderungsprogramms“ hat Nora in den letzten 2 Jahren ihr Privatleben auf Eis gelegt und sich komplett in die Hände von NGS begeben. Manipulation und Psychospielchen sind Noras täglicher Begleiter, ihre Aufträge erledigt sie gewissenhaft und mit kühler Distanziertheit.

Die Firma hat strenge Verhaltensregeln aufgestellt und nimmt Diskretion sehr ernst. Von ihren Mitarbeitern verlangen die drei Chefs Disziplin und absoluten Gehorsam, denn ihre Technologie ist streng geheim und darf auf keinen Fall Aufmerksamkeit erregen.

Noras anfängliche Begeisterung für ihre Arbeit gerät jedoch ins Wanken, als immer mehr schreckliche Dinge im Umfeld von NGS geschehen. Erst nach und nach wird ihr bewusst, wie dubios die Firma tatsächlich ist und wie weit ihre Arbeitgeber André, Lennard und Tom für ihre Forschung gehen. Plötzlich steht Nora auf der Abschussliste und muss um ihr Leben fürchten. Dabei sollten es doch ganz harmlose Sommerferien mit einem einfachen Auftrag werden …

Ann-Kristin Gelder hat mich von der ersten Seite an mitgerissen, auch wenn ich am Anfang noch keine Ahnung hatte, was auf mich zukommt. Ihr Schreibstil ist flüssig und emotionsgeladen, die Dialoge wechseln zwischen humorvoll, einfühlsam und schockierend. Die Geschichte ist unglaublich intensiv und hat mich im Verlauf immer wieder aus der Bahn geworfen. Die Autorin tut ihren Figuren Dinge an, die in einem Jugendbuch eigentlich nichts zu suchen haben – doch das macht sie so authentisch, dass ich die Furcht, Verzweiflung und Todesangst beinahe schmerzhaft miterleben konnte. Ich habe beim Lesen mehr als einmal eine Gänsehaut bekommen und war immer wieder fassungslos über das Ausmaß der Skrupellosigkeit und Kälte dieser drei Firmenchefs.

André, Lennard und Tom sind besessen von ihrer Technologie und gehen dafür über Leichen – wortwörtlich. Die Firma verletzt die Privatsphäre ihrer „Links“ auf übelste Art und nimmt den Tod junger Menschen völlig unbeeindruckt als Kollateralschaden in Kauf. All das ist inakzeptabel und dennoch hat mich das Konzept der Bewusstseinssynchronisierung fasziniert. Das schafft wirklich nicht jeder Autor.

Doch zurück zu unserer Ich-Erzählerin:
Die Geschichte beginnt mit einem Selbstmord, den Nora hautnah miterlebt, obwohl sie gar nicht vor Ort ist. Denn NGS hat eine bahnbrechende Entdeckung gemacht: Die Firma ist in der Lage, die Bewusstseinswellen zweier Menschen zu verlinken und so eine viel realere Erfahrung zu ermöglichen, als es VR-Technologie jemals könnte. Wie genau das funktioniert, müsst ihr allerdings im Buch nachlesen – das würde hier zu weit führen. Jedenfalls ist es Nora so möglich, durch Lilys Augen zu sehen und all ihre Emotionen zu teilen. Als Lily also in den Tod stürzt, ist Nora in ihrem Kopf und erlebt die panische Angst, die Qualen und den Moment, in dem alles Leben aus Lilys Körper weicht, schonungslos mit.

Als sie auf ihre nächste Zielperson angesetzt wird, ist Nora nicht halb so unbeschwert und zuversichtlich wie bei den Aufträgen zuvor. Dass Alex dann auch noch ihre Manipulations-Taktik durchschaut und sie gezwungen ist, ihr wahres Wesen zu offenbaren, lässt Noras Leben weiter aus den Fugen geraten. Zwischen den beiden funkt es, doch Nora hat noch immer einen Job zu erledigen …

Alex ist ein unglaublich aufmerksamer, leidenschaftlicher junger Mann, der nicht nur Nora für sich einnimmt. Seine Reaktionen auf ihre Manöver sind ein ganz besonderes Highlight dieses Romans und haben mich köstlich amüsiert. Auch sein Gefühlschaos konnte die Autorin eindringlich und sehr überzeugend schildern. Alex ist einfühlsam, hört Nora zu und unterstützt sie, obwohl er nicht weiß, ob er ihr glauben und vertrauen kann. Er hört auf sein Herz und das macht ihn in meinen Augen so liebenswert.

Alex hat einen positiven Einfluss auf Nora. Durch die Begegnung mit ihm kommt sie ins Grübeln. Nora ergreift die Initiative und macht eine unglaubliche Wandlung durch, die sie reifen und erwachsen werden lässt. Diese Entwicklung ist sehr realistisch gehalten und hat mich wirklich beeindruckt.

Doch als Nora und Alex sich näher kommen, eskaliert die Situation. Es folgt eine nervenaufreibende Geschichte über Moral, Privatsphäre, Experimente an Menschen und Missbrauch von Jugendlichen, die verzweifelt nach Halt und Bestätigung suchen. Todesdrohungen, eine überstürzte Flucht, grausame Rache und der Kampf ums Überleben stehen plötzlich im Mittelpunkt. Es geht um eine bahnbrechende Technologie und ihre Schattenseiten, um Vernachlässigung, Verlust, Trauer, Loyalität, Freundschaft, Wut und Hass. Auch die erste Liebe spielt eine Rolle, aber es ist kein Liebesroman – nicht wirklich!

Fazit:

Diese Geschichte hat mich überrascht und schockiert. Es ist ein Thriller mit jungen Protagonisten, die für ihre Überzeugungen, Gefühle und Zukunft kämpfen. Die Science-Fiction-Elemente sind faszinierend, die Skrupellosigkeit und Brutalität nervenaufreibend und die romantischen Szenen gefühlvoll. Der Showdown am Ende setzt dem Ganzen die Krone auf und lässt mich atemlos, aber beruhigt zurück. Dieses düstere, dramatische Gefühlschaos mit den vereinzelten herzerwärmenden Ruhephasen hat mich absolut überzeugt und mir sehr intensive Lesestunden beschert.

Wertung:
5 Punkte
5 Punkte

Aber Achtung:
Diese Geschichte enthält viel Gewalt und einige explizit beschriebene sexuelle Handlungen. Der oft grausame, brutale Inhalt kann verstörend auf Kinder und Jugendliche wirken, weshalb ich diesen Roman keinesfalls für die Altersgruppe ab 14 Jahren empfehlen würde.
Der Verlag bezeichnet das Buch als „Liebesroman, spannend wie ein Thriller“ – ich würde es eher als Thriller mit New-Adult-Elementen einstufen. Dementsprechend halte ich eine Altersfreigabe von 16 Jahren + für angemessen.

Anmerkung:
Ann-Kristin Gelder hat bereits Bücher unter dem Namen Clara Benedict veröffentlicht und war als Helena Becks Co-Autorin des Titels „Liebling, ich habe die Kinder verschenkt“ von Janine Kunze.

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